October 3, 2007

Torno Subito! (in Berlin)


TORNO SUBITO! (ATTO II)
26.10. - 17.11.07

Mit Giona Bernardi, collettivo NISKA, Anna Leader, Sonja Feldmeier, Oppy De
Bernardo, Aldo Mozzini, Angelika Markul, Una Szeemann, Katia Bassanini, Giancarlo Norese.

Gastausstellung des Kunstraums La Rada (Locarno).
Eröffnung am Freitag 26.10, 19h bis 23h.

Substitut
Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz
Torstrasse 159
10115 Berlin
www.substitut-berlin.ch
Öffnungszeiten: Mi / Do 16h-19h, Fr 16h-21h, Sa 14h-18h


Vom 26. Oktober bis 17. November zeigt der Kunstraum La Rada aus Locarno im Substitut die Gastausstellung «torno subito!».
In Schaufenstern von italienischen Geschäften, besondern in süditalienischen, findet man häufig ein Schild mit der Aufschrift „torno subito“ („Bin gleich zurück“). Die Worte sind besonders oft auf den Türen von Quartierläden zu lesen. Torno subito“ signalisiert, dass der Ladenbesitzer mit grosser Wahrscheinlichkeit gerade ein Kaffee trinken gegangen ist und eben gleich wieder zurück sein wird....
Die Kundschaft kennt die Gepflogenheiten und weiss sofort Bescheid. Zu Missverständnissen kommt es aber immer mal wieder, wenn ein Tourist aus nördlicheren Gegenden, oder gar ein Amerikaner auf das Schild stossen und natürlich nicht verstehen, dass „gleich wieder zurück“ nicht unbedingt so genau gemeint ist.
Auf die Ausstellung im Substitut bezogen, soll der Titel den flüchtigen Geist einer Ausstellung unterstreichen, deren Ausgangslage die Begegnung eines Kunstraumes aus der tiefsten Schweizer Provinz mit der blühenden Berliner Szene ist. „Torno subito“ ist nicht unbedingt als reine Ausstellung zu verstehen. Eher als „arbeitsfreie“ Zeit oder als Transfer einer Fussballmannschaft ohne Torhüter und Mittelstürmer. Der provisorische Charakter entspricht auch dem Wunsch, den Kunstraum La Rada adäquat vorzustellen: Der Kunstraum ist weniger eine Kunsthalle die grosse Events organisiert, denn ein Labor, in welchem künstlerische Arbeitsweisen erforscht werden.
In diesem Sinne sollen nicht einfach Werke von Künstler/innen gezeigt werden, sondern auch La Rada repräsentiert sein. Das Tessin war Anfang des 20. Jahrhunderts ein überwiegend armer Kanton. Die Leute sind kaum aus ihren Dörfern herausgekommen und wenn, dann nur um anderswo ihr (finanzielles) Glück zu finden - immer mit den Ziel möglichst bald in ihre Heimat zurück zu kehren.
In Italien oder Deutschland haben die Tessiner zu miesen Löhnen als Kaminfeger gearbeitet oder Kastanien feilgeboten. Heute ist die Situation natürlich anders. Aber für Künstler ist sie in gewisser Weise ähnlich geblieben. Diese müssen mangels Möglichkeiten in ihrem Heimatkanton zwangsläufig auswandern - dieses Bild nimmt La Rada mit nach Berlin.

Aldo Mozzini ist im Tessin geboren, aber schon sehr früh nach Zürich gezogen. Er hat die Beziehung zu seiner Heimat nicht aufrecht erhalten, ausser dass in seinen Arbeiten mehr und mehr Motive und Reproduktionen von typischen Tessiner Objekten auftauchen.
Katia Bassanini lebt derzeit in New York und nimmt aus Entfernung an der Ausstellung teil, während der Italiener Giancarlo Norese eingeladen wurde, die italienischen Wurzeln der Tessiner Mentalität zu erkunden. Noreses Werk nährt sich von der Idee des Scheiterns. Er ist von der Art eines Maurizio Cattelan, aber menschlicher und weniger mediatisiert. Seine Arbeiten neigen dazu, die Widersprüche der zeitgenössischen Kunstproduktion aufzudecken.
Una Szeemann ist nicht nur Tessinerin, sondern auch Tochter von Harald Szeemann. Sie verkörpert alles, was ein Künstler aus dieser Region nie sein wird und nie sein kann. Ihre Arbeit widmet sich der Naturistenkolonie auf dem Monte Verità Anfang des letzten Jahrhunderts. Der Zusammenhang mit dem, was vielleicht eine wesentliche Passion ihres Vaters war, erscheint hier komplett verdreht und nimmt einen clownesken, wenn nicht gar grotesken Charakter an.
Giona Bernardi ist eine Tessiner Hip Hop-Künstlerin. Sie entwickelt ihre Arbeiten aus dem Graffiti und Comic. Die Hip Hop Szene ist im Tessin ein wichtiges gegenkulturelles Phänomen und Giona eine wichtige Repräsentantin. Das colletivo Niska (Niska ist finnisch für Nacken) ist eine Vereinigung lokaler Künstler die sich zum Ziel gesetzt hat, ausserhalb der Schemata zeitgenössischer Kunst
Anlässe zu organisieren. Als erste Aktion hat die Gruppe einen selbstreferenziellen Roadmovie gedreht, der sie auf einer Reise von Locarno nach Sodankyla im hohen Norden Finnlands zeigt, wo sie am Midnight Sun Film Festival teilgenommen haben, welches von den Kaurismäki-Brüdern initiiert worden war. Als Gegenstück dazu gibt es eine Art Italienreise, in der sich die Spuren der europäischen Zivilisation allmählich verlieren und zerstreuen. Heute führt das colletivo Niska einen Raum, wo sie Ausstellungen zeigen, die ausserhalb des Kunstkanons angesiedelt sind. Oppy de Bernardo ist auch Tessiner, der fast in Manier eines Don Quichote versucht, in der Provinz Kunst zu machen. Seine Arbeiten zeichnen sich durch scharfen Sinn für Humor aus und suchen die Provokation. Angelika Markul ist in Polen geboren, und lebt und arbeitet in Paris. Sie ist Assistentin von Christian Boltansky. Durch diesen hat sie Geschmack gefunden an der Welt des Finsteren; ihre Videos haben oft autobiografische Wurzeln und streifen das Kino von Regisseuren wie Polanski oder Lynch, ohne aber je narrativ zu werden. Ihre Protagonisten sind oft Insekten und Nachttiere auf die immer ein unausweichliches und tragisches Ende wartet. Anna Leader ist eine englische Fotografin, die sich in ihren Arbeiten auf die Geschichte der Fotografie und der Malerei bezieht. Die Künstlerin lebt seit fast zwei Jahren im Tessin und hat in dieser Zeit einige typische Aspekte des Kantons dokumentiert. Die Arbeit von Sonja Feldmeier (Basel) dreht sich um die Verdrehungen der medialen Sprache und ihrer Konventionen. Die Künstlerin hat schon mehrmals in der La Rada ausgestellt, war an der allerersten Ausstellung im White Space (Zürich, gegründet von Urs Küenzi) beteiligt und hat auch am ersten Akt von „torno subito“ im White Space teilgenommen. So schliessen sich die Kreise...
(Text: Noah Stolz, Übersetzung: Urs Küenzi)